Was ist Begabung? - Was ist Hochbegabung?

Was ist Begabung?

Bei "Begabung" handelt es sich zunächst um einen ausgesprochen unscharfen Begriff mit vielen Bedeutungsfacetten. Auch in der Wissenschaft wird "Begabung" unterschiedlich gebraucht. Auf jeden Fall ist "Begabung" nicht von vorneherein schon mit Leistung gleichzusetzen.

Begabung stellt eine relativ stabile Eigenschaft (ein Persönlichkeitsmerkmal) dar, die sich schon im Grundschulalter heauskristallisiert und im Entwicklungsverlauf verfestigt und entfaltet. Ebenso wie eine gute Schulleistung nicht immer auch auf eine gute Begabung schließen läßt, lassen schlechte Leistungen nicht immer auf eine schwache Begabung schließen. Vielfältige Moderatorvariablen (Interesse am Thema bzw. Fach, Leistungsmotivation, Anstrengungsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Untertützung durch Familie und Schule usw.) vermitteln die jweilige Beziehung zwischen Begabung und Leistung. In der Regel gibt es jedoch eine positive Beziehung zwischen ihnen; eine gute Begabung geht in vielen - wenn auch nicht in allen - Fällen mit besseren Schulleistungen einher. Die Psychologen sprechen daher von einer positiven Korrelation zwischen Begabung und Leistung. 

Es ist sinnvoll, die intellektuelle Begabung oder Intelligenz (Denkvermögen, Sprachverständnis, Merkfähigkeit, Problemlösefähigkeit etc.) von nicht-intellektueller Begabung (z.B. praktisch-handwerklich, musikalisch, künstlerisch, tänzerisch, sportlich) zu unterscheiden, obwohl es auch hier Überschneidungen gibt. Die führenden Begabungsforscher der psychologischen Wissenschaft sind sich darüber einig, dass in aller Regel intellektuelle Begabungen in einer allgemeinen bzw. generellen (d.h. bereichsübergreifenden) Intelligenz  wurzeln, zu der sich zusätzliche Spezialbegabungen gesellen können. Die "allgemeine Intelligenz" (der sogenannte Generalfaktor "g")  steht somit im Zentrum der wissenschaftlichen Begabungstheorien; sie stellt den wesentlichen Kern von Begabung dar.

Der Begriff "Intelligenz" ist - ebenso wie der Begriff "Begabung" nicht leicht zu fassen. Viele Psychologen stimmen darin überein, dass allgemeine Intelligenz die Fähigkeit bezeichnet, neue Probleme nicht nur effektiv, sondern auch schnell zu lösen. In Umsetzung dessen hat die Psychologie spezielle Problemstellungen und Aufgabenserien entwickelt und erprobt, welche die Grundlage von Intelligenztests bilden. In langjährigen Forschungen konnte nachgewiesen werden, dass das in solchen Tests gezeigte konkrete Lösungsverhalten sichere Rückschlüsse auf die zugrunde liegenden intellektuellen Fähigkeiten gestattet. Derart nachgewiesene intellektuelle Begabung ist ein ausgesprochen stabiles psychologisches Konstrukt (und als solches der nachgewiesenermaßen beste Prädiktor (Vorhersagefaktor) für alle Arten von Lebenserfolg) und kann Lehrkräften wichtige Anhaltspunkte über das kognitive Potenzial und die schulische Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern an die Hand geben. 

Was ist Hochbegabung?

Im deutschen Sprachraum wird seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts der Begriff  "Hochbegabung" verwendet, um eine herausragende intellektuelle Kompetenz zu kennzeichnen. Unter intellektueller Hochbegabung verstehen wir ein besonders hoch ausgeprägtes Begabungspotenzial. Hochbegabt ist also, wer das Potenzial hat, sein bisheriges Wissen effektiv zu nutzen, individuell unbekannte Probleme rasch zu erkennen und diese schnell und zielführend zu lösen. ("Besondere Begabung" ist lediglich eine mitunter aus bestimmten ideologisch-bildungspolitischen Gründen gewählte andere Bezeichnung für den gleichen Sachverhalt.)

Obwohl es viele Spekulationen darüber gibt, ob Hochbegabte "anders" (als "normal" Begabte) denken, finden sich dafür in der psychologischen Forschung keine überzeugenden Belege. Bislang ist es nicht gelungen, Hochbegabte aufgrund qualitativer Merkmale ("unterschiedliche Denkstrukturen oder Problemlöseprozesse") zu identifizieren. Deswegen geht die Psychologie einen anderen Weg: Sie definiert Hochbegabung als hinreichend großen Abstand zum Begabungsdurchschnitt der Gesamtheit von Schülerinnen und Schülern des gleichen Alters bzw. der gleichen Jahrgangsstufe. An dieser Vergleichsgruppe wird die einzelne Schülerin bzw. der einzelne Schüler gemessen (quantitative Definition). Bei einer quantitativen Definition ist jede Grenzsetzung letztlich zwangsläufig eine Konventionsfrage. So hat es sich international eingebürgert, dann von einem "hinreichend großen" Abstand zu sprechen, wenn die Begabung so weit überdurchschnittlich ausgeprägt ist, dass rund 97% bis 98% der Vergleichsgruppe  in psychologischen Tests (in der Regel Intelligenztests) schlechtere Leistungen zeigen. Ein Intelligenzquotient (IQ) sagt daher nur etwas über die Intellegenztestleistung in Relation zu anderen Personen aus.

Während Ärzte (auch Kinderärzte), Pädagogen und Mitarbeiter der Jugendhilfe normalerweise nicht über die erforderliche psychodiagnostische Ausbildung zur fachgerechten Interpretation von Intelligenztests (und kognitiven Leistungstests) verfügen, ist dies in der Regel bei Diplom-Psychologen aufgrund eines mehrjährigen Studiums gegeben. Wünschenswert wäre, dass diese dazu noch Vorkenntnisse in Hochbegabungsfragen hätten.

Quelle: Hessisches Kultusministerium (Hrsg.) (2000). Hilfe, mein Kind ist hochbegabt!, Heft 1: Grundlagen. Wiesbaden

Walter Diehl

Hessisches Kultusministerium, Ref. I.4, Ref.l. MinRat Walter Diehl M.A., Luisenplatz 10, 65185 Wiesbaden, Tel. 0611-368-2708, Mail: Walter.Diehl@hkm.hessen.de